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Mit sich selbst versöhnt den letzten Weg gehen
Mit sich selbst versöhnt den letzten Weg gehen

Mit sich selbst versöhnt den letzten Weg gehen

Einen ganzen Abend lang über Tod und Sterben reden – dafür braucht es wohl wirklich etwas Mut: Den bescheinigte jedenfalls Moderator Meinhard Schmidt-Degenhard am Montag, 19. März, gleich zum Start den Teilnehmern der Veranstaltung „Als flögen wir davon“ im Haus an der Marktkirche. Dass seine Gesprächspartner, Anne und Nikolaus Schneider, diesen Mut haben, ist spätestens seit 2014 bekannt, als die evangelische Theologin ihre existenzbedrohende Krebsdiagnose öffentlich bekannt gemacht und ihr Mann Nikolaus deshalb sein Amt als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) abgeben hatte.

Die beiden Theologen hatten dadurch bundesweit eine emotionale Auseinandersetzung mit dem Thema ausgelöst und initiiert, daran erinnerte in seiner Begrüßung Johannes Oberbandscheid, Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung Hessen. „Bereite ich mich auf den Tod vor – oder verdränge ich ihn?“ formulierte er die entscheidende Frage, wenn der Zenit des eigenen Lebens überschritten ist. Wie sie es halten mit der „letzten Wegstrecke“, darüber gab das Ehepaar Schneider auch an diesem Abend anrührend offen Auskunft.

Sie sei zuallererst für die „geschenkte Phase“ glücklich und dankbar, bekannte Anne Schneider. Nachdem sie unmittelbar nach der Diagnose und während der Behandlung in „drei-Monats-Etappen“ gelebt und damit gerechnet habe, innerhalb kurzer Zeit zu sterben, beginne sie jetzt wieder deutlich langfristiger zu planen, zum Beispiel die Feier der Goldenen Hochzeit 2020: „Ich muss mir schon selbst sagen: Werde nicht unverschämt!“, meinte sie selbstkritisch.

Danach gefragt, woran sie zweifle oder sogar verzweifle, antwortete sie sehr persönlich. Im Blick auf „zerbombte Kinder in Syrien“ könne sie nicht glauben, dass das Gottes Wille sei. Zugleich fühle sie sich in ihrem persönlichen Leid in Gott geborgen. Von „Rissen“ in seinem Gottesbild sprach auch ihr Mann, der dabei Bezug nahm auf den Krebstod der 22-jährigen Tochter vor 13 Jahren. Wie ein gütiger Gott zusammengehe mit allen Grausamkeiten in der Welt, sei schwer zu fassen. „Wir sind nicht Gott“ und „Wir haben keinen Zugriff auf die absolute Wahrheit“ sind die Schlüsse, die Anne Schneider aus diesem Zwiespalt zieht.

Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.

Wenn er auf der letzten Wegstrecke nicht mehr aktiv mitgestalten könne, habe er die Erwartung und das Vertrauen, „dass es andere gut mit mir meinen“, sagte der frühere Ratsvorsitzende, der wie seine Frau den Wunsch äußerte, nach der jahrzehntelangen Partnerschaft als Erster von beiden zu sterben. Unterschiedlicher Meinung - wie schon in der öffentlichen Diskussion vor einigen Jahren - waren die zwei beim Thema Sterbehilfe und assistiertem Suizid.

„Darf ich als Christ den Gedanken haben, dass ich mein Leben bewusst beende?“ Während Anne Schneider diese Frage mit einem klaren Ja beantwortete, hat es für Nikolaus Schneider Priorität, dafür zu sorgen, dass Menschen gut sterben können. Möglichkeiten, diesen Prozess aktiv zu verkürzen, „würde ich so nicht in Anspruch nehmen.“ Allerdings wiederholte er seine Zusage, seine Frau auf diesem Weg zu begleiten, sollte sie sich dafür entscheiden: „Da lasse ich sie nicht allein, wir gehören zusammen“, bekannte er.

Mit sich selbst versöhnt den letzten Weg gehen und den Tod als zur göttlichen Schöpfung dazugehörig zu betrachten, das gehört für die beiden zur „Kunst des Sterbens“ dazu. Und was kommt nach dem Tod? Für Anne Schneider „eine Verantwortung vor Gott“, wobei sie nicht an ewige Verdammnis glaube. Sie hoffe darauf, ihr Kind wiederzusehen – und darauf, „dass ich ich bleibe, geborgen in Gottes Hand.“

„Als flögen wir davon“ ist auch der Titel eines von Nikolaus Schneider herausgegebenen Buches (im Kreuz Verlag erschienen), in dem unter anderem Franz Alt, Christine Bergmann, Eleonore Frey, Gisela und Manfred Kock, Hans Küng, Lore Maria Peschel-Gutzeit und Fulbert Steffensky über die Gestaltung ihrer letzten Wegstrecke schreiben.  

Die Veranstaltung war ein Angebot der Katholischen Erwachsenenbildung - Diözesanbildungswerk in Kooperation mit der Ev. Stadtkirche und dem Ev. Dekanat in Wiesbaden sowie mit Dr. Sonja Sailer-Pfister, Leiterin Referat 3./4. Lebensalter und Hospizbeauftragte des Bistums Limburg. (rei)